
Fritz Lottmann ist ein Oldenburger Urgestein und bemüht sich seit
über 50 Jahren um Oldenburger Stadtgeschichte, Heimat- und Volkskunde.
Er hat in diesem Bereich unzählige Vorträge gehalten und Schriften
verfasst. Sein besonderes Engagement gilt der niederdeutschen Sprache
und ihrer Literatur.
(eine Impression aus der stadtoldenburger Geschichte von Fritz Lottmann)
Das Oldenburger Kuhviertel ist für viele ortsbewusste Stadtoldenburger
ein fester Begriff, auch wenn es diese Bezeichnung offiziell gar nicht gibt.
Es handelt sich um das Gebiet zwischen dem Ziegelhof und beiderseits der
Getrudenkapelle, also nördlich der alten Stadtbefestigung im heutigen
Bereich von Bürgerfelde, etwa bis zur Lambertistraße. Dieser
im Volksmund entstandene Begriff hat sich wohl im 16. und 17. Jahrhundert
gebildet. Man kann also davon ausgehen, dass sich hinter diesem volkstümlichen
Namen die „Allmende“ weit vor dem Nordtor, dem Heiligengeisttor,
der Stadt verbirgt und mit der oben genannten Ortsbeschreibung übereinstimmt.
In diesem Zusammenhang taucht auch der Name „Brink“ auf. Er
stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet soviel wie Viehweide, begrenzte
Weidefläche, in manchen Bereichen sogar Dorfplatz.
Um eine geschichtliche Situation gut zu verstehen, muss man sich möglichst genau in sie hineinbegeben. So müssen die Lebensumstände, die örtlichen Gegebenheiten, die Entfernungen und die politischen und gesellschaftspolitischen Bedingungen berücksichtigt werden.
Im Jahre 1428 wurde die Gertrudenkapelle mit einem Armen- und Siechenhaus an den Ausfallwegen Alexanderstraße (dem Weg nach Ostfriesland) und der Nadorster Straße (dem Weg nach Jever und zur Nordsee) gebaut. Damit lag sie außerhalb der befestigten Stadt, denn die endete im Norden mit dem Heiligengeisttor. Übrigens war die Namensgeberin, die heilige St. Gertrud, die Schutzpatronin der Kranken, Armen und der Reisenden. Mit dem Friedhof, aber noch ohne das vom Herzog Peter-Friedrich-Ludwig im Jahre 1785 erbaute Mauseleum, war die Getrudenkapelle mit ihren 70 Sitzplätzen über Jahrhunderte der wichtigste Komplex vor dem Stadttor „Zum Heiligengeist“, dem heutigen Lappan. Folgende kleine Anekdote aus dem auslaufenden 19. Jahrhundert macht die damaligen Lebensumstände besonders gut deutlich:
Der Bäckermeister Diedrich Diers (Vater des berühmten Oldenburger
Heinrich Diers), hatte am Pferdemarkt/Eingang Donnerschweer Straße
eine Bäckerei. Es war eine gut gehende Bäckerei, mit Peer un Wagen,
`n lüttjen Utspann un so`n ganz lüttjen Utschank för Koffee,
Bier un ok wohl mal `n Schluck.
Trotz dieser positiven Ausgangssituation war Diedrich Diers mit seinem Leben
nicht zufrieden. Er kam aus dem Ammerland und war von Kind an das Landleben
gewohnt und fühlte sich in der Stadt einfach nicht wohl. So beschloss
er eines Tages, „Ik will wedder to de Holschkenlü!“ Er
verlegte seine Bäckerei etwa 800 m weiter nördlich in die Lambertistraße,
dort war es sehr viel ländlicher und die Menschen trugen noch Holzschuhe.
Dort fühlte er sich wohl!
Diese Begebenheit zeigt, dass das Leben ein paar hundert Meter vor den Stadttoren schon ganz anders ablief. Heute spielen ein paar hundert Meter doch keine Rolle mehr.
Aber wo kommt nun der Name „Kuhviertel“ her. Die Erklärung
finden wir in der Geschichte und Entwicklung der Stadt Oldenburg und vorwiegend
aus der Zeit, als Oldenburg befestigt war. Die Stadt war von Mauern, Wällen
und Wasser umgeben und durch Verteidigungsanlagen so gut gesichert, dass
die fünf Stadttore die einzigen Ein- und Ausgänge waren.
Die Stadt Oldenburg war seinerzeit der Bereich der heutigen Innenstadt,
also der City, vom Schloss bis zum Lappan. Sie war eng besiedelt, die Einwohnerzahl
schwankte je nach Zeit zwischen 2000 – 4000 Menschen. Jeder wollte
gern im Schutze der Mauern leben.
Die Einwohner betrieben trotz der großen Enge noch eine Nutztierhaltung,
um sich selbst versorgen zu können. Es handelte sich vorwiegend um
Pferde, Kühe, Schafe, Schweine, und Ziegen. Nun konnte man wohl gerade
noch Platz für einen kleinen Stall finden, aber keinen Auslauf für
die Tiere. So bestellte man gemeinschaftlich ein paar Hirten, die die Tiere
morgens aus den Ställen holten und durch das nördliche Tor, dem
Heiligengeisttor,
auf den Brink trieben und sie dort tagsüber bewachten. Am Abend trieben
sie das Vieh auf dem gleichen Wege wieder in die Stadt. Meistens fanden
die Tiere ihren Weg allein in den Stall, und sollte sich einmal eines verlaufen,
so brachte man es in den Schütting. Dort wurde das Tier versorgt (inschütt)
und konnte gegen ein Entgelt vom Eigentümer wieder abgeholt werden.
1885 wurde das Weidegelände parzelliert und die Allmende aufgehoben. Heute werden wir durch den Straßennamen „Melkbrink“ noch an diese Zeit erinnert. Übrigens wurden hier seinerzeit die Kühe in der Mittagszeit zum Melken zusammen getrieben. Aber der Name Kuhviertel hat sich im Volksmund trotz aller Veränderungen, bis heute erhalten.
© Fritz Lottmann